Erster Bericht aus Addo

Erster Bericht aus Addo

Ich kann es kaum glauben wie schnell die Zeit vergeht. Jetzt neigt sich schon der dritte Monat hier in Südafrika dem Ende zu und es ist jetzt schon wie ein zweites Zuhause für mich geworden. Der Ort, in dem ich wohne heißt Addo. Viele kennen ihn bestimmt wegen dem „Addo Elephant National Park“. Die Gegend hier ist außerdem bekannt für seine vielen Citrusfarmen. Auch neben meinem Haus steht ein prächtiges Feld voller Orangenbäume.

Ich lebe hier auf dem Grundstück der „Sisters of Mercy“, einem Schwesternorden aus Irland. Die zwei Schwestern Sister Martha & Sister Breda sind so lieb und hätten mich nicht herzlicher aufnehmen können. Zusammen mit Veronica, wohne ich hier in einem separaten Haus auf dem Grundstück der Schwestern. Veronica ist ein südafrikanisches Mädchen. Sie studiert Lehramt und arbeitet gleichzeitig als Freiwillige hier. Wir verstehen uns sehr gut und sind richtig gute Freundinnen geworden. Es ist toll wenn man noch jemand im etwa selben Alter hat. Außerdem ist es interessant zu erfahren wie sie hier, im Vergleich zu mir aufgewachsen ist. Jedes Mal bin ich wieder aufs Neue erstaunt wie vieles wir doch für selbstverständlich nehmen. Auf unserem Grundstück wohnt auch noch eine Familie mit drei Jungs, von denen zwei noch ziemlich klein sind. Sie sind wie kleine Brüder für mich. Was aber auch bedeutet, dass jeden Tag, inklusive Wochenende spätestens um 7 halb 8 Uhr jemand in mein Zimmer gestürmt kommt und Rugby spielen möchte oder um einen Keks bettelt. Als ich in Deutschland Anfang August ins Flugzeug gestiegen bin, hatte ich ehrlich gesagt keine richtigen Erwartungen. Ich war einfach motiviert ins Ausland zu gehen, Erfahrungen zu sammeln und etwas Sinnvolles zu tun. Dies war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte und die ich bis heute nicht bereut habe.

Ich arbeite so gut wie jeden Tag im Créche, so nennen sie den Kindergarten hier. Dieser liegt im nahegelegenen Township „Valencia“. Die Kinder sind dort in Gruppen von 3 bis 6 Jahren unterteilt, wobei ich mich meistens um die Dreijährigen kümmere. Leider haben diese Kinder schon in jungen Jahren mit so vielen schlimmen Dingen zu kämpfen. Viele von ihnen sind sehr arm und gehen in den Kindergarten, um wenigstens jeden Tag etwas Essen zu bekommen, andere sind wiederum sehr krank. Es macht mich traurig, wenn ich mitbekomme, dass sich viele Eltern hier nicht richtig um ihre Kinder kümmern und lieber Alkohol und Drogen am Ende der Woche von ihrem Lohn kaufen, anstatt Essen für die Familie. Wir haben auch einen großen Container im Garten stehen, in dem wir Lebensmittel und  gebrauchte Kleidung sammeln. Es kommen regelmäßig Leute die übrige Lebensmittel oder alte Kleidung bringen. Diese verteilen wir dann in den umliegenden Townships, was immer wieder schwierig ist. Jeder will natürlich so viel wie möglich für seine Familie ergattern.

Aber trotz allen Problemen hier sind die Menschen so voller Lebensfreude und so dankbar für alles. Jeden Morgen warten die Kinder schon am Gatter auf mich und können es gar nicht erwarten bis ich mit ihnen spiele. Manchmal ist das gar nicht so einfach, denn die Kinder sprechen so gut wie kein Wort Englisch, sondern Afrikaans oder IsiXhosa. Doch mittlerweile verstehe ich mich mit ihnen schon ohne viele Worte. Ab und zu versuch ich dann auch ein paar Worte ihrer Sprache nachzusprechen. Die Kinder finden meine Aussprache dann immer sehr witzig und haben eine riesen Gaudi dabei. Die kleinen sind mir wirklich so unglaublich ans Herz gewachsen und ich liebe jedes Einzelne von ihnen.         Nachmittags helfe ich dann Sister Breda bei ihren Computerkursen, die sie hier an den umliegenden Schulen gibt. Sie bietet Kurse für die Schüler, wie auch für Erwachsene an. Da ist Geduld gefragt, denn die meisten haben noch nie mit einem Computer gearbeitet und haben schon Probleme die Buchstaben auf der Tastatur zu finden. Aber jeder Kurs ist rappelvoll und die Meisten sehen diesen Kurs als eine Chance, einen besseren Job zu finden.

Ein weiteres großes Problem hier ist der Transport. Hier gibt es keine Linienbusse oder Züge, die einen von A nach B bringen und die Taxis fahren erst los, wenn sie bis auf den letzten Platz voll sind. Zudem sind sie noch völlig überteuert. Vor allem für Kranke, die dringend zu einer Klinik müssen ist das nicht einfach. Deswegen verbringt Sister Martha meistens den gesamten Vormittag damit, Leute in die Klinik zu fahren und wieder abzuholen

Was ich hier außerdem ganz schnell gelernt habe ist, dass man keinen Tag wirklich voraus planen kann. Oder besser gesagt keine Erwartungen haben sollte. Denn egal welcher Wochentag, hier passiert jedes Mal etwas Unerwartetes. Des Weiteren verstehe ich immer weniger über welche „Luxusproblemchen“ wir uns in Deutschland aufregen, anstatt einfach mal dankbar für jede noch so scheinbare Selbstverständlichkeit zu sein. Ich bin jedenfalls sehr dankbar dafür, hier zu sein und diese Erfahrungen sammeln zu dürfen. Mittlerweile habe ich mich wirklich so gut eingelebt und ich genieße das Gefühl, jeden Abend ins Bett zu gehen und zu wissen, dass ich etwas Sinnvolles gemacht habe. Ich freue mich schon auf die nächsten Monate. Im Dezember wird wieder die alljährliche „Summerschool“ in einem der Townships stattfinden, zu der viele Freiwillige anreisen, um bei den Workshops zu helfen, die wir anbieten.  Und dann kommt auch schon Weihnachten. Nur dieses Jahr bei voraussichtlich 40 Grad im Schatten!

Sonnige Grüße aus dem wunderschönen Südafrika!

 

Selina im Oktober 2017

 

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